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14.06.2017

Ein paar Zweifel und viele Gewissheiten

Kirchen im offenen Dialog zur Flüchtlingspolitik

Stadtdekan zu Eltz (li.) und Kirchenpräsident Jung (2.v.li.) diskutieren über christliche Willkommenskultur (Foto: Wiese-Gutheil/Kath. Stadtkirche)

FRANKFURT.- Es war an alles gedacht in der Heilig-Geist-Kirche im Frankfurter Dominikanerkloster: Mikrofone an langen Stangen, die ins Publikum gehalten werden konnten, Zettel und Stifte auf allen Plätzen für die, die sich nicht trauten, vor rund 100 Zuhörern zu sprechen, Anwälte des Publikums, die ihre Sorgen und Ängste vortrugen und zum versöhnlichen Schluss Wein und Knabbereien an Stehtischen.

Denn das Thema hatte durchaus Sprengkraft: Zweifeln erlaubt – müssen Christen alle willkommen heißen? war die Veranstaltung überschrieben, zu der die Evangelische Sonntags-Zeitung, das katholische Haus am Dom und die Evangelische Akademie Frankfurt am Mittwoch, 14. Juni eingeladen hatten. Geplant war ein offener Dialog mit dem evangelischen Kirchenpräsidenten Volker Jung (Darmstadt) und dem katholischen Stadtdekan Johannes zu Eltz über das breite Meinungsspektrum in Sachen Flüchtlingspolitik und Willkommenskultur. Die Angst vor dem Verlust christlicher Werte bei einem starken Zuzug von Muslimen, die Sorge um das christliche Abendland, Bedenken gegen eine Verrohung der Sitten oder die Erkenntnis, dass die Debattenkultur Gefahr läuft,  in gegenseitigen Vorwürfen und Verunglimpfungen zu ersticken, das alles sollte hier Platz finden. Und so kamen zu manchen Zweifeln auch viele Gewissheiten.

Hilfe für Menschen in Not als Christenpflicht

Zunächst stellte Kirchenpräsident Jung klar, dass das Schicksal von Flüchtlingen Christen nicht gleichgültig sein darf: „Es gehört zum christlichen Selbstverständnis, die Not von Menschen auf der Flucht in besonderer Weise wahrzunehmen.“ Weder dürften Christen sich der Not anderer verschließen, noch sollten sie sich anderen Menschen gegenüber überlegen oder höherwertig fühlen. In der Frage aber, wie es gelingen könne, allen Menschen in Not gerecht zu werden, müssten Entscheidungen in einem fairen und respektvollen Diskurs gesucht werden.

Stadtdekan zu Eltz mahnte, bei allem guten Willen zu einer praktizierten Willkommenskultur auch das eigene Versagen und die persönliche Herzlosigkeit zu erkennen. Der Dialog zwischen Christen und Muslimen sei unersetzlich: „Dabei darf der je andere nicht verachtet werden, auch wenn immer noch viel schief läuft im Dialog zwischen den Religionen.“ Christen seien in der Pflicht, hier den ersten Schritt zu tun: „Arglos auf andere zuzugehen, das kommt von Jesus, vom Evangelium. Wir müssen andere so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen. Das Beispiel wirkt.“

Einwanderungspolitik in europäischer Solidarität 

In Redebeiträgen und schriftlichen Stellungnahmen des Publikums wurde immer wieder auf Probleme mit der Integration verwiesen, die Vorfälle in der Kölner Silvesternacht als Beleg dafür genommen, dass es Zuwanderer an Respekt gerade für Frauen fehlen ließen oder die Kirchen sich nicht genügend für verfolgte Christen einsetzten. Dem entgegneten Jung und zu Eltz, Religionsfreiheit sei eine Forderung für alle Religionen, eine politisch gestaltete Einwanderungspolitik in europäischer Solidarität vonnöten und ein Zurückweisen jeglicher Diskriminierung erforderlich.

Integration sei, so Stadtdekan zu Eltz, eine „riesige Aufgabe, die Jahrzehnte dauern wird.“ Sie sei nur zu leisten in gegenseitiger Achtung, mit Sachlichkeit und einer guten Portion Humor, aber auch mit dem Selbstbewusstsein einer Gesellschaft, die mit ihrer Freiheit und ihrem Grundgesetz für so viele Menschen anziehend sei, dass sie weite und gefährliche Wege in Kauf nähmen, um hierher zu kommen. (dw)